Zur Diskussion gestellt: „Der Mensch“ – Zerstörer der Umwelt?

Sonntag, 18. Juni 2017

Nicht nur die Spatzen pfeifen es von allen Dächern: Es gibt auf der Erde kaum noch Gebiete, in denen die Umweltbedingungen nicht geschädigt sind. „Der Mensch“ ist angeblich dafür verantwortlich, manche sagen bzw. schreiben statt dessen auch „wir“. Ja, es gibt sogar Wissenschaftler, die eine neue Epoche in der Geschichte der Erde entdeckt zu haben glauben: das Anthropozän. Sie sehen „den Menschen“ (griech. = anthropos) als Ursache für dieses neue Zeitalter.

Die Zeitangaben für den Beginn der Umweltzerstörung durch „den Menschen“ fallen weit auseinander. Im Extremfall wird behauptet: „Der Mensch zerstört seit einer Millionen Jahren die Umwelt“ – so ein Kommentator in einem Fernsehbericht. Das ist schon erstaunlich, denn nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft gibt es den Menschen (Homo sapiens) seit etwa 200.000 Jahren. Es mag sein, dass zukünftige Fossilfunde den Zeitpunkt des ersten Auftretens weiter in die Vergangenheit rücken, aber es ist schon erstaunlich: Diesen frühen Menschen unterstellt man schon Umweltzerstörung, obwohl man sie noch gar nicht gefunden hat...

Das andere Extrem wird z.B. im Lager der Anthropozän-Vertreter aufgestellt: Sie sehen den Eingriff „des Menschen“ in die Umgestaltung der Erde als gefährlich an. Als Beginn dieses Anthropozäns wird „die Beschleunigung“ genannt, die etwa um 1950 begonnen haben soll. Andere sehen den Beginn allerdings früher und machen die Industrialisierung vor 200-300 Jahren dafür verantwortlich, vor allem den Einsatz der Dampfmaschine ab Mitte des 18. Jahrhunderts.

Seit Entstehen des Lebens auf der Erde verändert jedes (!) Lebewesen die Umwelt, es zerstört sie jedoch nicht. Es nimmt aus der Umwelt Stoffe auf und gibt sie umgewandelt wieder ab. Die Lebewesen verändern so die Gewässer, die Atmosphäre, die Böden. Fossile Brennstoffe (Erdgas, Erdöl und Kohle) sind von ihnen erzeugt worden; kalkausscheidende Arten haben Gebirge und Inseln gebildet, die Wälder sorgen mit für das Klima...

Wir fügen hier aus verschiedenen Quellen die zahlenmäßige Entwicklung der Menschheit ein – danach lebten auf der Erde


um das Jahr 0 etwa 200 Mio Menschen

um 1700 etwa 300 Mio Menschen

um 1800 etwa 400 Mio Menschen

um 1900 etwa 1 Milliarde Menschen

heute mehr als 7,3 Milliarden Menschen


Es wird deutlich: ab etwa 1700 begann das, was heute als „Bevölkerungsexplosion“ bezeichnet wird. Nur mal nebenbei: Wir halten das nicht für eine Bedrohung, sondern sehen den Reichtum an Menschen auch als wirklichen Reichtum an, als einen Schatz. Die Zunahme der Bevölkerung ab etwa 1700 zeigt, dass etwas geschehen sein muss, das dieses Wachstum begünstigte. Das waren unserer Meinung nach weder die Dampfmaschine noch die Entwicklung der Medizin, sondern diese waren nur die Folgen der eigentlichen Ursache.

Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist“ – so beginnt Friedrich Engels das dritte Kapitel seiner Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft.“ Die Gesellschaftsordnung, in der er lebte und in der wir heute immer noch leben, wurde schon vor Karl Marx und Friedrich Engels als Kapitalismus bezeichnet. Die Produktion erfolgt im Kapitalismus gesellschaftlich, also durch Arbeitsteilung unter den Arbeitern – der Austausch ihrer Produkte, also die Aneignung des Produzierten, erfolgt aber privat, durch die Kapitalisten.

Arbeitsteilung hat es schon immer gegeben zwischen Frau und Mann und zwischen den Menschen der Urgesellschaft, den Jägern und Sammlern: Die einen konnten besser Fährten lesen, andere konnten besser Werkzeuge herstellen... Arbeitsteilung hat es auch in der Sklavenhaltergesellschaft gegeben. Im Mittelalter herrschte jedoch die Einzelproduktion vor als Manufaktur, also als Handwerk (lateinisch: manus = Hand, facere = machen); ein „zünftiger“ Handwerksmeister hatte zwar Gesellen, die ihm bei der Arbeit halfen, doch Hauptgrund für ihre Tätigkeit bei ihm war ihre Ausbildung zum Meister.

Mit der Einführung der Arbeitsteilung in die Manufaktur wurde bei gleichem Zeit- und Kraftaufwand gemeinsam mehr produziert, also ein Überschuss an Waren, eine Erhöhung des Mehrprodukts. Der Verkauf dieser Waren verwandelt das Mehrprodukt in den Mehrwert, den die Werkstattbesitzer, die Kapitalisten einstecken. Sie haben um 1700 zwar die mittelalterliche Einzelproduktion beseitigt (ein Fortschritt), aber die rückständige Aneignungsweise des Mittelalters beibehalten: Die Werkstatt (Fabrik) gehört allein ihnen und nicht allen an der Arbeit beteiligten. Dem zünftigen Handwerksmeister gehörten die Arbeitsgeräte, die zu verarbeitenden Stoffe, die Werkstatt und seine Arbeitskraft – also gehörte ihm auch das von ihm Produzierte. Dem Kapitalisten gehören die Maschinen, die zu verarbeitenden Stoffe, die Fabrikhallen und die Arbeitskraft seiner Arbeiter – die hat er nämlich für Lohn von ihnen gekauft. Fazit: Dem Kapitalisten gehört auch das von seinen (!) Arbeitern Produzierte. Außerdem verwandelte sich das Geld – bisher vor allem Hilfsmittel für die Warenzirkulation, in Kapital und damit in ein Machtmittel.

Hier haben wir auch die Ursache für die gleichzeitig beginnende Zunahme der Weltbevölkerung. Die angeblich um 1950 einsetzende „Beschleunigung“ gab es schon früher und ist nur eine ablenkende Umschreibung dessen, was Karl Marx und Friedrich Engels herausgearbeitet haben: Der Zwang zur Erzeugung von Maximalprofit bei sonst drohendem Bankrott des Kapitalisten. Es muss auf „Teufel komm raus“ produziert werden, ohne Rücksicht auf die Folgen. Nicht die Erfindung der Dampfmaschine ist die Ursache für die drohende Umweltkatastrophe, sondern ihre falsche Anwendung. Die Anthropozän-Anhänger sind also eher auf dem Niveau der Maschinenstürmer stehen geblieben: Die Arbeiter hatten zunächst die Maschinen zerschlagen, weil sie diese für die Ursachen ihres Elends ansahen – doch sie erkannten schnell ihren Irrtum und dass die Maschinen ihr Leben erleichtern könnten, wenn – ja, wenn sie nicht zur Profitmaximierung eingesetzt würden...

Übrigens: nicht nur Marx und Engels waren den Apologeten des Anthropozäns weit voraus. Auch der Häuptlings der Crew wies darauf hin:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet..., werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Man kann dem Begriff Anthropozän aber vielleicht doch etwas Positives abgewinnen, dann nämlich, wenn man die Rolle des Menschen (hier brauchen wir keine Anführungszeichen) naturwissenschaftlich untersucht. Der Mensch (Homo sapiens) ist die einzige evolutionsaktive Tierart, alle anderen Arten sind evolutionspassiv: Seit dem Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter greift der Mensch aktiv in die Evolution der für ihn nützlichen bzw. schädlichen Pflanzen- und Tierarten ein und damit auch in die Umweltgestaltung. Eine nennenswerte Umweltzerstörung nicht durch „die Menschen“, sondern durch „Menschen“ gibt es offenbar erst seit etwa 300 Jahren, also seit Einführung des Kapitalismus, und zwar durch die Kapitalisten. Es hat früher zweifellos Unfälle gegeben, wenn z.B. ein Feuer außer Kontrolle geriet, aber die Umweltzerstörung zur Profitmaximierung ist kein Unfall, sondern eine notwendige Begleiterscheinung, und wird von den Kapitalisten billigend in kauf genommen.

Die Sklavenhaltergesellschaft, der Feudalismus waren für die Sklaven und Leibeigenen unerträgliche Gesellschaftssysteme, aber uns ist nicht bekannt, dass Sklavenhalter oder Feudalherren spürbar die Umwelt zerstörten. Die Feudalherren in Deutschland haben fast den ganzen Urwald abgeholzt, aber sie haben auch wieder aufgeforstet.

Halt - was ist mit der Umweltzerstörung im Mittelmeerraum durch die alten Griechen, Römer, Phönizier? Die haben doch die Wälder abgeholzt für Haus- und Schiffbau, seitdem ist die „mediterrane Vegetation“ so karg!

Das wird oft angeführt. Sehen wir uns das etwas genauer an. Das „mediterrane Klima“ hat seinen Namen vom „Mittelmeer“, dem Meer, das „mitten“ zwischen Europa, Asien und Nordafrika liegt. Das Klima ist gekennzeichnet durch heiße, trockene Sommer und milde, feuchte Winter. Die typische Vegetation besteht aus Xerophyten, das sind Pflanzen, die durch ihren Bau an Trockenheit und Hitze angepasst sind: meist strauchförmige, dornige Hartlaubgewächse; ihr Ökosystem wird als Macchie bezeichnet. Diese Lebensbedingungen gibt es auch an der Westküste Nord- und Südamerikas, an der Westküste Südafrikas und in Südaustralien. In Nordamerika wird dieses Ökosystem z. B. als Chaparal bezeichnet, in Südafrika als Fynbos

Typische Fynboss-Landschaft

Typische Fynboss-Landschaft in der Nähe von Franschhoek (Foto von Chris Eason, London. Lizenz cc-by 2.0)

– zwar mit anderen Arten, aber denselben Bautypen. Die „mediterrane“ Vegetation ist hier nachweislich nicht durch Abholzen, also Vernichtung von Wäldern durch Raubbau der Ureinwohner verursacht worden.

Als weitere Erklärung für die angebliche Umweltzerstörung im eigentlichen Mittelmeerraum wird auch „Überweidung“ angegeben. Da haben z.B. Ziegen sicherlich auch im Altertum einiges abgeknabbert und im südlichen Afrika wurden von der einheimischen Bevölkerung Vieherden gehalten – aber für die „mediterrane“ Vegetation in Nord- und Südamerika trifft das nicht zu und schon gar nicht für Südaustralien: Dort gab es keine in Herden lebenden Säugetiere wie Schafe, Rinder oder Kamele, die wurden erst von den Kolonialherren eingeschleppt und zerstören seitdem die natürlich gewachsenen Ökosysteme.

Es lohnt sich übrigens, die 5 „mediterranen“ Gebiete einmal auf der Landkarte zu suchen: sie liegen alle (!) etwa um den 25. und 35. Breitengrad auf der Nord- bzw. Südhalbkugel. Das ist kein Zufall, sie liegen alle etwa in der sogenannten Rossbreitenzone – und hier haben wir die Ursache für die „heißen, trockenen Sommer und milden, feuchten Winter“: Es handelt sich um Hochdruckgebiete, in denen im Landesinneren überwiegend Windstille und Trockenheit herrschen, nur an den Küsten kommt es z.B. durch Temperaturunterschiede zwischen Land und Wasser zu Luftströmungen und Niederschlägen.

Halten wir fest: Sklaverei und Feudalismus waren Klassengesellschaften, in denen die jeweils herrschende Klasse die Sklaven bzw. Leibeigenen grausam ausbeutete – aber kann man ihr in kauf genommene Umweltzerstörung vorwerfen?

Das Reich der Maya in Mittelamerika soll im 7. Jahrhundert durch Umweltzerstörung zugrunde gegangen sein – neuere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass es an den Kriegen zugrunde ging, die es führte.

Ein weiteres immer wieder genanntes Beispiel für eine angebliche Umweltzerstörung durch die – nennen wir sie einmal „vorkapitalistische“ Bevölkerung ist die Osterinsel. Hier sollen die dort lebenden Menschen durch Abholzen des Waldes ihre eigene Lebensgrundlage zerstört haben. Auch dies hat sich durch neuere Untersuchungen als falsch erwiesen.

Es gibt möglicherweise noch mehr Beispiele, bei denen der Verdacht besteht auf frühgeschichtliche Umweltzerstörung durch „den Menschen“, aber uns ist keines bekannt, das einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten hat. Für Sklavenhalter und Feudalherren bestand keine Notwendigkeit, die Umwelt zu zerstören, denn sie waren nicht zur Profimaximierung gezwungen – sie pressten aus den ihnen unterworfenen Menschen „nur“ das heraus, was sie für ihr luxuriöses Lotterleben brauchten.

Also nicht „der Mensch“ zerstört die Umwelt, nicht „wir“, sondern „Menschen“ zerstören die Umwelt, nämlich die heute herrschende Klasse der Kapitalisten.

Und: wenn man Anthropozän als Periode der Erdgeschichte akzeptiert, dann begann diese nicht vor 50 Jahren mit der „Beschleunigung“ und auch nicht vor 250 Jahren mit der Technisierung, sondern viel früher, nämlich mit dem aktiven Eingriff des Menschen in die Evolution vor etwa 11.000 Jahren ohne Nachteile für die Natur.

Arbeit-Zukunft
Herausgegeben von der Organisation für den Aufbau einer kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands
http://www.arbeit-zukunft.de
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