Filmbesprechung: „1917 Der wahre Oktober – Künstler in revolutionären Zeiten"

Samstag, 1. Juli 2017

Wir Kommunisten beurteilen die Große Sozialistische Oktoberrevolution vor allem vom Standpunkt der Arbeiterklasse - und das aus gutem Grund stets positiv. Man könnte aber auch die Frage stellen, wie die Revolution eigentlich von „den" Künstlern und Intellektuellen wahrgenommen wurde, welche unmittelbar als Augenzeugen beteiligt waren. Genau dies tut die Filmemacherin Katrin Rothe in ihrem dokumentarischen Animationsfilm „1917 Der wahre Oktober".
Filmbesprechung: "1917 Der wahre Oktober - Künstler in revolutionären Zeiten"

Der Film spielt in der Zeit zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution und beleuchtet die Wirren der Doppelherrschaft von bürgerlichem Parlament (Duma) und Arbeiterräten (Sowjets) sowie die Auseinandersetzung um die Beendigung des Krieges. Protagonisten sind die bourgeoise Lyrikerin Sinaida Hippius, der Maler Alexander Benois, der Avantgardist Kasimir Malewitsch sowie der fortschrittliche Dichter Wladimir Majakowski und der berühmte Schriftsteller des Sozialistischen Realismus, Maxim Gorki. Die Regisseurin wechselt zwischen Szenen aus der Gegenwart, in denen sie selbst einen roten Zeitstrahl an eine Wand malt, auf dem sie die jeweiligen Ereignisse mithilfe von Papier- oder Pappfiguren illustriert und Szenen, in denen sich das historische Geschehen durch die Animation der Bastelfiguren als Film abspielt. Zwischendurch werden auch einige Originalaufnahmen eingespielt. Die sich an der russischen Avantgarde der 20er Jahre orientierende Ästhetik, mit ihren abstrakten Formen, hat definitiv Stil und passt zum Thema. Die Filmemacherin lässt die jeweiligen Künstlerfiguren ihre überlieferten Gedanken sprechen, wobei diese auch durch gute Animation von Mimik und Gestik, dem Zuschauer sehr anschaulich zugänglich gemacht werden. Das gibt dem Film einen sehr nachdenklichen Touch, der auch stellenweise, durch längere Monologe, etwas langweilig erscheinen mag.
Die Charaktere selbst sind sehr verschieden: So unterstützt eine Sinaida Hippius zunächst die Provisorische Regierung, ist dann aber bald enttäuscht, weil diese aus ihrer Sicht nicht entschieden genug gegen die Bolschewiki vorgeht. Die Dame war sehr reaktionär, ist später auch nach Frankreich ausgewandert und hat ihre „Hoffnungen" (laut Wikipedia) „in das Nazi-Reich gesetzt, welches den Bolschewismus zerstören sollte" (Das wird im Film nicht gesagt). Der Dichter Majakowski hingegen war sehr von revolutionärem Enthusiasmus erfüllt und suchte stets die Auseinandersetzung. Maxim Gorki wollte in den Wirren der Übergangszeit eine Kommission zum Schutze der alten Denkmäler gründen, damit diese nicht dem Volkszorn zum Opfer fallen, konnte sich aber zunächst nicht durchsetzen. Letztlich blieb der große anarchistische Zerstörungswahn aber aus, wie die Geschichte gezeigt hat.
Auch Lenin war eher skeptisch gegenüber kulturrevolutionären Experimenten, beispielsweise im Theater, eingestellt. Die Bolschewiki haben eine vernünftige Kulturpolitik entfaltet, ganz im Gegensatz zu den späteren Maoisten während der sog. „Kulturrevolution" in China! Aber das nur am Rande.
Jedenfalls wurde die Umbruchszeit von Künstlern sehr unterschiedlich erlebt und bewertet. Gemeinsam war ihnen das Gefühl der Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung. Leider zieht der Film das Fazit, dass es nach der Oktoberrevolution letztlich keinen großen „Freiheitsgewinn" für die Kunst gegeben hätte. Die Zeit der Avantgarde, aber auch die Werke des Sozialistischen Realismus und seiner Größen wie M. Gorki, wiederlegen dies, machen aber auch klar, dass es keine „objektive, unabhängig-demokratische" Kunst geben kann, sondern jene stets der Klassenfrage unterworfen ist: Kunst als Ausdrucksform der gesellschaftlichen Verhältnisse!
Dennoch ist der Film sehenswert - gerade im 100jährigen Jubiläumsjahr - nicht zuletzt wegen der aufwendigen künstlerischen Gestaltung; er hilft auch die Gedanken und Motive der Künstler, ob fortschrittlich oder reaktionär, besser zu verstehen und einzuordnen.
AN

Der Film läuft über das ganze Jahr verteilt in verschiedenen Kinos in Deutschland und auch im Ausland:


Berlin
ab 22. Juni - Acud, Lichtblick,
29.Juni Sputnik Südstern, B-Ware Ladenkino
2. Juli Bundesplatzkino
6. Juli Freiluftkino Neues Deutschland
17. Juli Intimes
Bamberg
22.6 bis 28.6. Lichtspiel
Cottbus
13. September Obenkino
Karlsruhe
15./25. August Kinemathek
Mannheim
23. November Cinema Quadrat
Manchester
14. Juli
Moskau
25.-28. Juni
Freiburg
ab 1./2./5. Juli Kommunales Kino
Oldenburg
ab 13./18./19. November Casablanca
Stuttgart
30.Juni Metropol
Wasserburg
28. September Kino Utopia
Weimar
2. September Lichtspielhaus
in Arras, Bremerhaven, Göttingen, Hamburg, Hannover, Kiel, Konstanz, Luzern, Osnabrück,
Münster, Neustrelitz, Potsdam, München, Mainz, Rijeka, Rostock,Thawil, Tübingen,
Weiterstadt, Wien, noch mal Zürich u.a. im Herbst

Arbeit-Zukunft
Herausgegeben von der Organisation für den Aufbau einer kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands
http://www.arbeit-zukunft.de
Filmbesprechung: „1917 Der wahre Oktober – Künstler in revolutionären Zeiten"
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