Buchbesprechung: Grover Furr, Chruschtschows Lügen

Grover Furr, Chruschtschows Lügen, zur Geheimrede

Endlich gibt es dieses explosive Buch auch auf deutsch. Es erschien zuerst 2007 in russischer Sprache und 2011 in englisch. Schon das ist ein ungewöhnlicher Weg. Denn Grover Furr, Professor für englische Literatur und Geschichte an der Montclair State University, New Jersey, hat lange in russischen Archiven nach Originaldokumenten gesucht, um den Inhalt der Geheimrede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das sensationelle Ergebnis seiner Recherchen schrieb er in russisch nieder und veröffentlichte es.

Sensationell sind die Ergebnisse von Grover Furr, weil er akribisch und Punkt für Punkt den Nachweis erbringt, dass Chruschtschows Geheimrede eine Aneinanderreihung von Lügen war. Nur in einem Punkt, so Grover Furr, kann er die Aussage Chruschtschows weder belegen noch widerlegen. Ein solches Ergebnis schlägt natürlich der ganzen offiziellen Geschichtsschreibung über die UdSSR ins Gesicht, denn diese stützt sich in der Beurteilung Stalins und der KPdSU nur zu gern auf Chruschtschows Geheimrede, die 1956 wie eine Bombe einschlug und die gesamte marxistisch-leninistische Bewegung erschütterte, in den folgenden Jahren zerrüttete und schließlich zu einer tiefen Spaltung zwischen Marxisten-Leninisten und Revisionisten (so wurde die Linie Chruschtschows genannt, weil sie den Marxismus-Leninismus verdrehte, revidierte) führte.

Furr übernimmt nicht einfach die schon vielfach wiedergekäuten Anschuldigungen gegen Stalin und den Sozialismus, die ungeprüft gebetsmühlenartig wiederholt werden. Sehr methodisch untersucht er jeden einzelnen Punkt der Anklagen Chruschtschows. Er führt zahlreiche Originalquellen an, oft in russisch. Und so widerlegt er Punkt für Punkt sehr konkret. Damit die Leser seine Argumentation nachvollziehen können, hat er im zweiten Teil des Buches viele Quellen dokumentiert. Er setzt nichts vor, das man schlucken muss, sondern er geht wie ein Wissenschaftler vor: Er beweist!

Das Ergebnis ist tatsächlich sensationell. Denn es entsteht ein ganz anderes Bild von Stalin, als es die meisten kennen.

S.16f.: „Tatsächlich machte ich aber eine weitaus andere und unerwartete Entdeckung. Nicht eine konkrete Aussage der ‚Enthüllungen‘, die Chruschtschow präsentierte, weder über Stalin noch über Beria, stellte sich als wahr heraus… Die gesamte ‚Geheimrede‘ ist aus Fälschungen zusammengestellt. Das ist die ‚große Tat‘ für die Chruschtschow… gepriesen wird!“

Stalin, der angebliche Diktator, klebte an seinem Sessel und hat alle Konkurrenten ausgeschaltet. Das ist eine der gängigen Propagandamythen. Furr dokumentiert, dass sich Stalin beständig gegen den Personenkult wandte und das er insgesamt viermal vom Amt des Generalsekretärs zurücktreten wollte. Er bot seine Position für einen Nachfolger an. Jedes Mal wurde sein Gesuch vom ZK oder Politbüro zurückgewiesen, zuletzt auf dem 19 Parteitag der KPdSU im Oktober 1952. (S.39, Dokumente dazu S.274ff.)

Während Stalin bei den Säuberungen der Partei immer wieder zur Mäßigung und zur Beachtung der Gesetze aufrief, erstellte Chruschtschow in den ihm unterstehenden Gebieten Listen von Feinden und verlangte von Stalin in einem Brief vom 10.7.37 die Erlaubnis, 8500 Menschen zu erschießen. (S.94) Stalin jedoch gab die Erlaubnis nicht. Er weigerte sich, pauschal das Todesurteil für 8500 Menschen zu unterschreiben und verlangte eine gesetzliche Untersuchung jedes einzelnen Falles.

S.99: „Dank Schukows gründlicher Dokumentenforschung, veröffentlicht in ‚Inoy Stalin‘, ist uns bekannt, dass es die ersten Parteisekretäre waren (zu denen Chruschtschow gehörte, Anmerkung der Red.), die darauf bestanden, mit Massenexekutionen anzufangen. Stalin und die zentrale Parteiführung des Politbüros (die ‚engere Führung‘, wie Shukow formuliert) widersetzten sich… Getty zitiert Chruschtschows Ersuchen nach 41.000 Personen in beiden Kategorien.“

Das Buch von Grover Furr ist so reichhaltig an Dokumenten und Belegen, dass wir hier nur kleine Andeutungen machen können. Man sollte es selber lesen. Für jeden, der über die Geschichte der KPdSU, der UdSSR, Stalins und Chruschtschows Bescheid wissen möchte, ist das Buch Pflichtlektüre. Für die bürgerliche Geschichtswissenschaft ist das Buch ein harter Brocken, eben weil es sich auf Dokumente und Belege stützt und damit viele Spekulationen und wilde Anschuldigungen zerstört.

Grover Furr, Chruschtschows Lügen, Berlin, 2014, ISBN 978-3-360-02187-8, 384 Seiten, 24,99 €