Pariser Kommune: Der revolutionäre Geist des 18. März


Am 17.3.21 machen wir mit den Genossen der Kommunistischen Arbeiterpartei Frankreichs (PCOF) eine Zoom-Veranstaltung. Bitte anmelden bei info@arbeit-zukunft.de

Aus „La Forge“ 03/2021, Zeitung der Kommunistischen Arbeiterpartei Frankreichs, PCOF

Am 18. März 1871 brach in Paris eine Revolution aus, die den weiteren Verlauf der Arbeiter- und kommunistischen Bewegung entscheidend beeinflussen sollte. Zum ersten Mal in der Geschichte ergriff das Proletariat die Macht. Die Erfahrung dauerte nur 72 Tage, vom 18. März bis zum 28. Mai 1871, aber die Lehren, die Marx daraus in seinem WerkDer Bürgerkrieg in Frankreich“ zog, genau wie die, die Lenin in seinem Buch „Staat und Revolution“ zusammenfasste, sind Teil der Grundprinzipien des Kommunismus.

Zahlreiche Veranstaltungen (Ausstellungen, Konferenzen, Plakatierungen…) sind in Paris von Bürgermeisterin Anne Hidalgo und ihrer PS-PCF-EELV-Mehrheit geplant, um die Commune zu „feiern“, von der sie nur das in Betracht ziehen, was ihrem Wahlkalkül und ihren reformistischen Illusionen von mehr Demokratie im Rahmen des System dient. Aber die Pariser Commune war nicht nur ein „einzigartiges Experiment in sozialer und politischer Demokratie„, dessen gewalttätige Aspekte wir beklagen sollten, wie Laurence Patrice, PCF-Abgeordneter für die Stadt Paris, vorschlägt. Es war eine Revolution, in der das Proletariat seine unabweisliche Pflicht und sein absolutes Recht“ erkannte, „sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und seinen Triumph durch die Ergreifung der Macht zu sichern“ (Manifest vom 18. März). Und genau das ist es, was uns interessiert. Die Kommune zu „feiern“ bedeutet für uns, an all das anzuknüpfen, was sie die Arbeiterbewegung über den Klassenkampf, über den bürgerlichen Staat und über die Bedingungen für eine radikale Veränderung der bestehenden Ordnung gelehrt hat. Denn das ist es, was heute auf der Tagesordnung steht, in einer Zeit, in der das kapitalistisch-imperialistische System in einer tiefen Krise versinkt, deren ganze Last es auf die Schultern der Arbeiterklasse und der Völker zu legen versucht.

Für unsere Partei ist der 18. März auch der Jahrestag des Gründungsparteitags der PCOF (18. März 1979), dem wir den Namen „Parteitag der Pariser Kommune“ gegeben haben. Die Wahl dieses Datums und dieses Namens bezeichnete unseren Willen, eine kommunistische Partei zu schaffen, die für den Sturz der bürgerlichen Ordnung durch und für die Arbeiterklasse und die Volksmassen kämpft.

Es ist dieser Geist, der uns auch heute noch in unserer Tätigkeit beseelt, das Bewusstsein für die Notwendigkeit und Möglichkeit eines revolutionären Bruchs mit dem imperialistisch- kapitalistischen System zu wecken. Unter diesem Blickwinkel und um diesen revolutionären Geist zu nähren, wollen wir den 150. Jahrestag der Pariser Commune feiern.

Wer waren die Kommunarden? Was genau war die Pariser Commune? Was waren ihre Errungenschaften, ihre Auswirkungen, ihre historischen Folgen? Welche Lehren folgen aus ihr für heute? Diese Fragen soll die Artikelserie rund um den 150. Jahrestag der Pariser Commune beantworten, die wir für unsere Ausgaben im März, April und Mai 2021 geplant haben. Nicht in erschöpfender Weise, auch nicht mit dem distanzierten Blick eines Historikers, sondern mit dem Ziel, das Nachdenken und Handeln all derer zu bereichern, die sich den Angriffen des Kapitals Stück für Stück widersetzen und auf einen revolutionären Bruch mit dem System hinarbeiten wollen.

Woher kam die Pariser Commune und was tat sie?

Das Zweite Kaiserreich, das aus Louis Bonapartes Staatsstreich am 2. Dezember 1851 hervorging, hatte den Aufstieg des Kapitalismus und den wirtschaftlichen Aufstieg der Bourgeoisie ermöglicht – und gleichzeitig die Arbeiterklasse unter ein strenges Joch gestellt. Napoleons überstürzter Kriegseintritt mit Deutschland war der endgültige Schlag. Am 2. September 1870 wurde die französische Armee bei Sedan besiegt. Am 4. September verkündete Léon Gambetta trotz des Widerstands der Abgeordneten des „Corps législatif“ (ein Rumpfparlament) unter dem Druck der wütenden Pariser die Absetzung des Kaisers und wenige Stunden später wurde die Republik ausgerufen. Es wurde eine Regierung der Nationalen Verteidigung gebildet, die sich aus Bürgerlichen zusammensetzte (die Pariser Abgeordneten des Wahlgremiums). Gleichzeitig traten alle Pariser, die in der Lage waren, Waffen zu tragen, der Nationalgarde bei. Am 28. Januar 1871 musste das belagerte und hungernde Paris kapitulieren, aber die Nationalgarde konnte ihre Kanonen behalten und die bewaffneten Pariser Arbeiter sorgten dafür, dass kein Soldat der preußischen Armee Paris betrat. Die Bourgeoisie verstand, dass „die Herrschaft der besitzenden Klassen – Großgrundbesitzer und Kapitalisten – ständig bedroht sein würde, solange die Pariser Arbeiter in Waffen blieben“. Adolphe Thiers, der in Versailles installierte neue Regierungschef, beschloss, sie zu entwaffnen.

In diesem Auszug aus seiner Einleitung zur 1891 erschienenen Ausgabe von „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ gibt Engels sehr konkrete Angaben zum Ablauf der Ereignisse, zur Übertragung der Macht vom Zentralkomitee der Nationalgarde auf die Commune, zu ihren wichtigsten Entscheidungen, zu ihrer Zusammensetzung, zu ihrem klassenmäßigen und internationalistischen Charakter… :

Am 18. März sandte er [Thiers] Linientruppen mit dem Befehl, die der Nationalgarde gehörige, während der Belagerung von Paris angefertigte und durch öffentliche Subskription bezahlte Artillerie zu rauben. Der Versuch schlug fehl, Paris rüstete sich wie ein Mann zur Gegenwehr, und der Krieg zwischen Paris und der in Versailles sitzenden französischen Regierung war erklärt. Am 26. März wurde die Pariser Kommune erwählt und am 28. proklamiert. Das Zentralkomitee der Nationalgarde, das bisher die Regierung geführt, dankte in ihre Hände ab, nachdem es noch zuvor die Abschaffung der skandalösen Pariser „Sittenpolizei“ dekretiert hatte. Am 30. schaffte die Kommune die Konskription und die stehende Armee ab und erklärte die Nationalgarde, zu der alle waffenfähigen Bürger gehören sollten, für die einzige bewaffnete Macht; sie erließ alle Wohnungsmietsbeträge vom Oktober 1870 bis zum April, unter Anrechnung der bereits bezahlten Beträge auf künftige Mietszeit, und stellte alle Verkäufe von Pfändern im städtischen Leihhaus ein. Am selben Tage wurden die in die Kommune gewählten Ausländer in ihrem Amt bestätigt, da die „Fahne der Kommune die der Weltrepublik ist“. – Am 1 .April beschlossen, das höchste Gehalt eines bei der Kommune Angestellten, also auch ihrer Mitglieder selbst, dürfe 6.000 Franken (4.800 Mark) nicht übersteigen. Am folgenden Tage wurde die Trennung der Kirche vom Staat und die Abschaffung aller staatlichen Zahlungen für religiöse Zwecke sowie die Umwandlung aller geistlichen Güter in Nationaleigentum dekretiert; infolge davon wurde am 8. April die Verbannung aller religiösen Symbole, Bilder, Dogmen, Gebete, kurz, „alles dessen, was in den Bereich des Gewissens jedes einzelnen gehört“, aus den Schulen befohlen und allmählich durchgeführt. – Am 5. wurde, gegenüber der täglich erneuerten Erschießung von gefangnen Kommunekämpfern durch die Versailler Truppen, ein Dekret wegen Verhaftung von Geiseln erlassen, aber nie durchgeführt. – Am 6. wurde die Guillotine durch das 137. Bataillon der Nationalgarde herausgeholt und unter lautem Volksjubel öffentlich verbrannt. – Am 12. beschloß die Kommune, die nach dem Krieg von 1809 von Napoleon aus eroberten Kanonen gegoßne Siegessäule des Vendôme-Platzes als Sinnbild des Chauvinismus und der Völkerverhetzung umzustürzen. Dies wurde am 16. Mai ausgeführt. – Am 16. April ordnete die Kommune eine statistische Aufstellung der von den Fabrikanten stillgesetzten Fabriken an und die Ausarbeitung von Plänen für den Betrieb dieser Fabriken durch die in Kooperativgenossenschaften zu vereinigenden, bisher darin beschäftigten Arbeiter, sowie für eine Organisation dieser Genossenschaften zu einem großen Verband. – Am 20. schaffte sie die Nachtarbeit der Bäcker ab wie auch den seit dem zweiten Kaiserreich durch polizeilich ernannte Subjekte – Arbeiterausbeuter ersten Rangs – als Monopol betriebnen Arbeitsnachweis; dieser wurde den Mairien der zwanzig Pariser Arrondissements überwiesen. – Am 30. April befahl sie die Aufhebung der Pfandhäuser, welche eine Privatexploitation der Arbeiter seien und im Widerspruch ständen mit dem Recht der Arbeiter auf ihre Arbeitsinstrumente und auf Kredit. – Am 5. Mai beschloß sie die Schleifung der als Sühne für die Hinrichtung Ludwigs XVI. errichteten Bußkapelle.

So trat seit dem 18. März der bisher durch den Kampf gegen die fremde Invasion in den Hintergrund gedrängte Klassencharakter der Pariser Bewegung scharf und rein hervor. Wie in der Kommune fast nur Arbeiter oder anerkannte Arbeitervertreter saßen, so trugen auch ihre Beschlüsse einen entschieden proletarischen Charakter. Entweder dekretierten sie Reformen, die die republikanische Bourgeoisie nur aus Feigheit unterlassen hatte, die aber für die freie Aktion der Arbeiterklasse eine notwendige Grundlage bildeten, wie die Durchführung des Satzes, daß dem Staat gegenüber die Religion bloße Privatsache sei; oder sie erließ Beschlüsse direkt im Interesse der Arbeiterklasse und teilweise tief einschneidend in die alte Gesellschaftsordnung. Alles das konnte aber, in einer belagerten Stadt, höchstens einen Anfang von Verwirklichung erhalten. Und von Anfang Mai an nahm der Kampf gegen die immer zahlreicher versammelten Heeresmassen der Versailler Regierung alle Kräfte in Anspruch.“

[Einleitung zu „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ von Karl Marx]

(übersetzt aus „La Forge“ 03/2021, Zeitung der Kommunistischen Arbeiterpartei Frankreichs, PCOF, Zitat aus dem deutschen Original)