Krebs: Wer arm ist, stirbt früher

Grafik: Männer und Frauen im Alter ab 65 Jahren, die ihren allgemeinen Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht einschätzen – Anteile an der gleichaltrigen Bevölkerung, differenziert nach sozioökonomischem Status Quelle: © Robert Koch-Institut 2016, Studie GEDA 2010, Erhebung 2009–2010

Entsetzt berichteten verschiedene Medien Anfang August, dass Krebs in ärmeren Schichten häufiger auftrete und von sozialen Faktoren abhänge. (siehe z.B. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ratgeber-gesundheit-wie-beeinflussen-die-lebensverhaeltnisse-das-krebsrisiko.be8f475a-cfda-40b6-89d2-086f3b072bd7.html)

Da kann man lesen: „So erkrankten in Deutschland von 2010 bis 2013 in den sozioökonomisch schwächsten Regionen 7,3 Prozent mehr Männer an Krebs als in den wohlhabendsten Gegenden.“ Doch das ist noch nicht das Ende der schlechten Entwicklung. Lag die Krebs-Neuerkrankungsrate in den ärmsten Regionen mit der schlechtesten Versorgung 2007 bei Männern noch 7% über dem der Männer in den wohlhabenderen Regionen, so stieg der Unterschied bis 2018 auf 23%. Bei Frauen stieg der Unterschied im gleichen Zeitraum von 7 auf 20%.

Die Erklärung: Das liege nicht an der Versorgung, sondern am Lebensstil wie Alkohol- und Tabakkonsum, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, starkem Übergewicht. Es liegt also angeblich nicht am System sondern am individuellen Verhalten. Stress führe zudem zu mehr Krebserkrankungen.

Schon länger bekannt!

Nun ist diese Sensationsmeldung keine Neuigkeit. Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass die soziale Situation große Auswirkung auf die Gesundheit bzw. Erkrankung der Menschen hat. Auf der Internetseite https://www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/ werden alleine 12 Untersuchungen und Studien angeführt, die sehr deutlich belegen: Wer arm ist, stirbt früher! Einige Studien stammen von 2007 und ständig kamen neue hinzu. Auf der Homepage „Gesundheitsberichterstattung des Bundes“ https://www.gbe-bund.de/ kommen eine Reihe weiterer Untersuchungen und Statistiken hinzu.

Dabei wird ebenfalls deutlich, dass sich die Kluft beim Gesundheitszustand zwischen arm und reich ständig vergrößert. Das überrascht uns nicht. Diese Ergebnisse stimmen sehr gut mit dem beständigen Abbau im Gesundheitswesen, bei der Pflege und der Bildung überein.

Ist der einzelne selber schuld?

Wenn der „Lebensstil“ als wichtigste Ursache genannt wird, dann wird damit suggeriert, dass der Einzelne selber schuld ist. Er lebt halt ungesund und damit basta!

Uns jedoch stellen sich viele Fragen.

– Wie ist es mit Bildung und Aufklärung? Wenn im Bildungsbereich ständig gekürzt wird, wenn Hauptschulen zu Abschiebebahnhöfen verkommen, wie ist es dann mit der dringend notwendigen gesundheitlichen Aufklärung? Wenn Sport an den Schulen zum lästigen Anhängsel verkommt, wie ist es dann mit dem Bewegungsmangel? Es liegt auf der Hand, dass Bildung, Aufklärung etwas mit dem „Lebensstil“ zu tun haben. Und gerade da wird im Interesse des Profits immer mehr gespart.

– Wie soll beispielsweise ein Paketbote einen gesunden „Lebensstil“ entwickeln? Ob bei der Post, bei Hermes, bei DPD, Amazon oder woanders – Paketboten sind immer unter Stress. Sie müssen sich beeilen, um überhaupt etwas zu verdienen. Da sie meist Scheinselbständige sind, arbeiten sie unter Druck. Zeit für eine gesunde Mahlzeit? Die gibt es nicht. Stattdessen muss man sich in der kurzen Pause irgendein mieses Fast Food Essen reinwürgen. Abends Sport? Da sind die Kolleg/innen zumeist fix und fertig.

– Oder nehmen wir Kolleg/innen aus der Abfallbeseitigung: Da ist alles durchrationalisiert. Jede Minute ist eingeplant. Alles muss schnell gehen. Dazu arbeiten die Kolleg/innen oft mit Schadstoffen, die zumeist gar nicht registriert sind. Von einem gesunden „Lebensstil“ zu reden, ist da der reinste Hohn.

– Gehen wir in eine Kita oder an eine Schule: Zu wenig Personal mit zu vielen Kindern; ständiger Stress, hoher Lärmpegel; Konflikte; oft keine ruhige Mittagspause und keine Zeit für ein gesundes Essen. Das gleiche Bild bietet sich in Krankenhäusern oder in Pflegeeinrichtungen. Zu wenig Personal muss immer mehr Menschen versorgen. Ruhe gibt es da nicht, stattdessen Dauerstress pur.

– Oder nehmen wir eine moderne Fabrik: Da ist alles durchgetaktet. Jede Hand-, Arm- und Beinbewegung ist von Refa-Fachleuten vermessen. Die Kolleg/innen sind Anhängsel der Maschine und müssen sich im Takt, den diese vorgibt, bewegen. Ständig wird die Arbeit verdichtet und immer noch ein wenig Mehrarbeit aus den Menschen herausgequetscht. Wenn sie nach hause kommen, sind sie fertig.

Doch statt diese Faktoren überhaupt nur zu erwähnen, macht es sich die bürgerliche „Wissenschaft“ leicht. Sie gibt die Verantwortung an die Kolleg/innen zurück. Dabei liefert die bürgerliche Wissenschaft durchaus ernst zu nehmende Fakten und Statistiken. In einen gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt, führen sie zu einem eindeutigen Ergebnis:

Die Jagd nach Profit und Extraprofit, die Zerstörung von Bildung, Pflege, Gesundheitswesen, die immer brutalere Auspressung der menschlichen Arbeitskraft, das sind die wesentlichen Ursachen für die zunehmende Kluft zwischen arm und reich beim gesundheitlichen Zustand. Es ist das kapitalistische System das dazu führt, dass früher sterben muss, wer arm ist.