Brandanschlag in Mölln: 27 Jahre Solidaritätsbriefe im Archiv versteckt


Gedenkfeier November 2020 in Mölln; Foto NSU-Watch

Unglaublich! Nach dem Brandanschlag vom 23. November 1992 auf das Haus der Familie Arslan, bei dem die 10-jährige Yeliz Arslan, die 14-jährige Ayşe Yılmaz und die 51-jährige Bahide Arslan ermordet wurden, schickten Menschen aus der ganzen Bundesrepublik rund 3.000 Solidaritätsbriefe an die Familie. Da die Anschrift nicht bekannt war, wurden die Briefe an die Stadt Mölln adressiert. In manchen Briefen waren Unterschriftsammlungen mit teilweise mehreren hundert Unterschriften. Andere enthielten Geld oder kleine Geschenke zum Trost. Das war gelebte Solidarität!

Doch die Familie erfuhr darüber nichts! Denn die Stadt Mölln „archivierte“ die Briefe im Stadtarchiv, ohne die Familie jemals über die Existenz dieser Briefe zu informieren. Das passt zum Verhalten der Stadt bei der Aufarbeitung des Brandanschlages. Anfangs durfte die Familie bei der jährlich stattfindenden offiziellen Gedenkfeier der Stadt sprechen. Doch das passte der Stadt Mölln nicht, denn die Reden der Familie waren politisch und forderten eine entschlossenen Kampf gegen Reaktion, Rassismus und Faschismus. Daher durften sie ab 2013 nicht mehr bei der offiziellen Gedenkfeier sprechen. Seither findet die „Gedenkfeier“ ohne die Opferfamilie statt! Familie Arslan organisiert seitdem zusammen mit antifaschistischen Kräften eine eigene Gedenkfeier.


Gedenkfeier November 2020 in Mölln; Foto NSU-Watch

Durch Zufall stieß 2019 eine Antifaschistin bei Recherchearbeit zu dem Brandanschlag im Stadtarchiv auf die Briefe und informierte die Familie. Diese verlangte die Herausgabe der Briefe und erhielt sie jetzt. Die faule Ausrede der Stadt Mölln: Die Familie habe ja nie nach den Briefen gefragt! Wie konnte sie nach etwas fragen, von dessen Existenz sie nichts wusste?

Man hat der Familie einen wichtigen Teil der Solidarität geraubt!

Bei NSU-Watch hat İbrahim Arslan ein lesenswertes Interview zu diesem Vorfall gegeben:

https://www.nsu-watch.info/2020/12/die-solidaritaet-wurde-uns-verheimlicht-indem-man-sie-27-jahre-lang-archiviert-hat-interview-mit-ibrahim-arslan/